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2009

November:

15.11.2009: Volkstrauertag sowie Gedenkfeier im Rahmen der Neugestaltung

                    des Murrhardter Ehrenfriedhofs in Murrhardt. (Seite 1)

 

Rede im Rahmen der Gedenkfeier zur Neugestaltung des Ehrenfriedhofs Murrhardt, 2009

Guten Abend, sehr geehrter Herr Bürgermeister und Vertreter der Verwaltung, sehr geehrte Damen und Herren Stadträte, Veteranen und ehemalige Kriegsteilnehmer,  Angehörige der Kriegsopfer, Vertreter der beteiligten Firmen, liebe Kameraden.

Es ist eine Geste und Ehre am heutigen Tage dieses Grabfeld nach der Neugestaltung wieder seiner Bestimmung übergeben zu können. Heute am 90. Volkstrauertage nach dem 1. Weltkrieg und  64 Jahre nach dem Ereignis das die hier bestatteten Opfer im Zweiten Weltkrieg erleiden mussten. Anscheinend und tatsächlich eine niedrige Anzahl von Toten und Gefallenen die der Krieg in Murrhardt gefordert hat , im Vergleich mit anderen Städten sicher- doch es zählt jedes Einzelschicksal, jedes Opfer , vor allem zivile Opfer, sind beklagenswert. Insgesamt mit allen Gefallenen, und zivilen Opfern der Stadt und der Teilorte ist die Anzahl der Getöteten des 2. Weltkrieges auch in unserer Stadt weit höher.

Ehrenfriedhof – es kam dieser Tage die Frage nach dem Wort Ehre auf – es scheint, dass manche mit diesem Begriff Schwierigkeiten haben und das Wort nicht mehr verstehen. Grundsätzlich ist das Wort Ehre –  als das Gegenteil von Schande zu verstehen. Natürlich kann dieser Begriff Ehre leicht missbraucht oder auch missverstanden werden, der Begriff braucht einen Bezug – eine menschliche Seite. Unser Gesetzbuch kennt und definiert den Begriff der Ehre, das Grundgesetz verschärft und nennt den Begriff der Würde.

War es eine Schande als Soldat im Kriege den Befehlen zu folgen ? Ein Grund die Ehre zu verlieren ? Für den Einzelnen mit Sicherheit nicht – eine Kollektivschuld kennt unsere Rechtsauffassung nicht. Wie nahe Kameradschaft, Leben und Tod – das Spannungsfeld des Befehls , der Nächstenliebe und des Schicksals gehen, zeigt sich ganz individuell am Beispiel des hier bestatteten OTL  Maurer der zusammen mit seinem Sohn, Stabsarzt Maurer, von der ersten Granate die in unsere Stadt geschossen wurde, auf dem Marktplatz vor der Apotheke zerfetzt wurde. OTL Maurer wollte trotz der Gefahr bei Apotheker Zinser mit seinem Sohn Medikamente für die Schwerverletzten im Murrhardter Lazarett besorgen . Maurer war gleich tot, sein Sohn starb wenige Tage später in Öhringen.

Ein ebenso schlimmes,  ziviles Schicksal traf die noch junge Lehrerin Kandelhardt aus Stuttgart, die mit zweien ihrer Schüler, beide 16 Jahre alt, aus Stuttgart nach Murrhardt geflohen war um dem Krieg und den Eiferern des letzten Aufgebots aus dem Wege zu gehen. Nur wenige Meter vor der Türe des Luftschutzstollens in der Siegelsbergerstraße wollte  Kandelhardt ihre Schützlinge in Sicherheit bringen – vergebens. Weitere zivile Opfer waren in Siegelsberg und in der Innenstadt zu beklagen. Kann man diesen Menschen die Ehre und die Würde absprechen, weil Sie in einer unmenschlichen Auseinandersetzung zu Tode kamen ? Die Frage nach Opfern und Tätern ist nicht leichtfertig, nicht pauschal und nicht mit Verklärung, sondern nur faktisch, individuell zu beantworten, wenn es überhaupt eine Antwort geben kann.

Eine Antwort, unsere Antwort, ist die Bewahrung der Erinnerung der Mahnung. In der Präambel der UNESCO steht der Satz zu lesen : „ da Kriege in den Seelen von Menschen ihren Ursprung haben, muss auch die Verteidigung des Friedens in der Seele entstehen“

Dies Bedarf der Aufmerksamkeit, der Sensibilisierung durch Erinnerung und Mahnung., einer werteorientierten Erziehung. Einer Vermittlung von Erfahrungen, die in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft im Blick auf friedliche Lösungen von Konflikten gesammelt werden. Ein bewusster Umgang mit diesem  Thema bewirkt die „Versöhnung über den Gräbern“ oder wie es ein großer General in der Geschichte Europas einst formulierte : „Der Krieg ist erst dann besiegt, wenn der letzte Tode begraben ist “.

Versöhnung mit ehemaligen Feinden , wie dieser Tage in Paris bei der Gedenkfeier für die Gefallenen des 1. Weltkrieges, Versöhnung aber auch mit dem eigenen Volk, den Schuldigen und Unschuldigen, nicht vergessen und negieren, versöhnen, mahnen, erinnern.

Dazu soll besonders das hier aufgestellte Gedenkkreuz in Zukunft dienen – in unserer Stadt gibt es Denkmale für die im Ausland gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege, der Opfer der Gewaltherrschaft, den Heimatvertriebenen – jedoch bisher gab es kein Symbol für die bei den Kriegshandlungen in Murrhardt getöteten Menschen. Dieses Kreuz soll an alle diese Opfer, auch unserer Teilorte und Ortsteile erinnern, auch an die nirgends genannten Bürger unserer Stadt, die durch Kriegseinwirkung in ihrer näheren oder weiteren Heimat in den letzten Kriegstagen zu Tode kamen.

Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Achtungswürdigkeit, Respekt, Zuerkennung und Versöhnung ja sogar Vergebung sind Elemente der Ehre --- einen Ehrverlust erleidet nicht derjenige, dem man die Ehre aus niedrigen Gründen abspricht, sondern derjenige der jemanden die Ehre ohne innere Verantwortung verweigert.  Die Menschenwürde des Einzelnen ist unantastbar.

Erweisen wir den Toten die Ehre, bewahren wir die Würde in Freiheit, so achten wir die Rechte und üben Pflicht gegenüber uns und unserer Verantwortung vor Mensch und Geschichte.

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